Photo: Adolf Dahs

Siebenhundert lange Jahre

Hab’ ich Tag um Tag gesungen,

Tag um Tag hat mein Geläute

Über Berg und Tal geklungen.

 

Doch nicht fürder werden schwingen

Mich zum Läuten starke Hände –

Allen, die mich hörten, will ich

Künden „Werden, Sein und Ende“.

 

Nun durchbrechet froh und mutig

Des Vergessens schlimme Schranken,

Eilet siebenhundert Jahre

Mit mir rückwärts, Traumgedanken!

 

Benedicti fromme Jünger

Hatten hier mit Axt und Kelle

Einen stolzen Bau errichtet,

Gotteshaus und Klosterzelle.

 

Und es ragte hoch erhaben

Stolzer Turm hinauf ins Blaue,

Und des Türmers Blicke schweiften

Weit hinaus durch grüne Gaue.

 

Mochte wohl ein ander Kirchlein

Um viel Spannen überragen,

Das nicht weit auf gleichem Hügel

Friedlich stand in jenen Tagen,

 

Wie es vordem schon gestanden

Seit vierhundert langen Jahren,

Seit der große Frankenkönig

Schlug die wilden Sachsenscharen,

 

Seit die ersten frommen Mönche

Drangen in die Heidenwildnis

Und dem fremden Christengotte

Richteten das erste Bildnis.

 

Bauten auf die kleine Kirche

In der Kämpfe Ungewitter,

Bauten eine heil’ge Stätte

Für den Bauer und den Ritter.

 

Und noch viele Jahre sah ich

Ritter wohl und Bauern wallen,

Als die kleine Dorfeskirche

Fast in Sturm und Zeit verfallen.

 

Und sie flehten, dass die Hochflut

Tilge nicht die Wiesengründe,

Dass nicht Brand und Korn zerfresse,

dass des Himmels Blitz nicht zünde.

 

Dass der Feind uns nicht verderbe,

Nicht vom Dach die Flamme lodre,

Nicht die Pest in jedem Hause

Ohn’ Erbarmen Opfer fordre.

 

Aber keine Glocke mochte

Zu des Hochaltares Stufen

Aus den Tälern, von den Hügeln

All die frommen Christen rufen.

 

Denn der Turm war viel zu winzig,

Dass den Glockenstuhl er trüge,

Dass, um solche Last zu tragen,

Balken sich an Balken füge.

 

Aber als der Klosterkirche

Ragend stolzer Bau gelungen,

Als zum ersten Male Glocken

Über Berg und Tal gesungen –

 

Da erwachten alte Wünsche,

Die in vielen Herzen schliefen,

Dass auch sie die Glockentöne

Sonntags in die Kirche riefen.

 

Und es drängte sich zum Prior

Des Conventes eine Menge,

Die Erlaubnis zu erbitten,

Dass in hohem Turme hänge

 

Eine Glocke der Gemeinde,

Die auch sie zur Messe riefe

Von der Berge kahlen Höhen,

Aus der Täler schatt’ger Tiefe.

 

Sprach der Prior: „Ich gestatte,

Dass man eine Glocke gieße,

Doch ich setze zur Bedingung,

Dass ich Gegendienst genieße.

 

Möge euch die Glocke rufen

So zur Andacht, wie zur Mette,

Bei der Hochzeit mag sie feiern,

Trösten auf dem Totenbette.

 

Doch bevor sie aufgehangen

Die Gemeinde, heilig schwöre,

Dass als ewiges Besitztum

Sie dem Orden angehöre.“

 

Doch die Bauern und die Edlen

Zeigten wenig gute Mienen,

Denn des Priors Wahrspruch hatte

Ihnen allzu hart erschienen.

 

Viele sannen Tag’ und Nächte,

Um den Wahrspruch abzuwenden

Und die neue Kirchenglocke

Nicht dem Orden zu verpfänden.

 

Um die Glocke neu zu schaffen,

Manche Gabe ward gespendet,

Und ein alter Glockengießer

Ward aus ferner Stadt gesendet.

 

Eilig ward der Guss vollendet

Eh’ der Sommer war vergangen,

Und ein schöner Morgen zeigte

Land und Dorf in bunten Prangen.

 

Um den Glockenguss zu feiern

Und dem Heiligtum zu weihen,

Sind von fern und nah gekommen

All die Bauern und die Freien.

 

Freudig waren sie versammelt,

Und sie sangen frohe Lieder.

Ernst und würdig stand der Prior,

Schweigend alle Ordensbrüder.

 

Und nun ward die Form zerschlagen,

Durch die Menge ging ein Raunen,

Alle konnten nun die Glocke,

die erglänzende, bestaunen.

 

Als ich ward, als ich in Flammen

In die ird’ne Form geflossen,

Hat in mir der alte Meister

Wunderlichen Spruch gegossen,

 

Stand auf meinem Ring zu lesen:

„Dieses Heiligtums Geläute

Sei nicht zu der Mönche Segen,

Sondern für die Ackerleute,

 

Für die Freien und die Bauern

In der kleinen Kirche Hallen,

Und es soll die neue Glocke

Stets in Not und Sturm erschallen.“

 

Zornig blickten da die Mönche:

„Hat man so den Spruch gedeutet,

Dass man uns und unserm Orden

Solches Ärgernis bereitet?

 

Mag in unserm Turm die Glocke

Lieblich singen oder gellen,

Mag ihr Spruch zum Schicksal werden,

Mag sie einst im Sturm zerschellen!“

 

Und es murrten laut die Bauern,

Hitzig stritten die Gemüter.

Hier der Bauern harte Köpfe,

Dort die strengen Klosterbrüder.

 

Dennoch hing ich bald im Turme,

Konnte rufen über Felder,

Über Gärten, über Wiesen,

Über dunkelferne Wälder.

 

Und ich flehte, dass die Hochflut

Tilge nicht die Wiesengründe,

Dass nicht Brand das Korn zerfresse,

Dass des Himmels Blitz nicht zünde.

 

Dass der Feind uns nicht verderbe,

Nicht vom Dach die Flamme lodre,

Nicht die Pest in jedem Hause

Ohn’ Erbarmen Opfer fordre.

 

Linderte durch meine Bitten

Manche bittere Bedrängnis,

Wandte oftmals durch mein Flehen

Furchtbar dräuendes Verhängnis.

 

Siebenhundert lange Jahre

Hab’ ich Tag um Tag gesungen,

Tag um Tag hat mein Geläute

Über Berg und Tal geklungen.

 

Sah die Kreuzesfahrer ziehen

In des fremden Land’s Gefahren,

Sah die Bauernkriege wüten

Und die wilden Schwedenscharen.

 

All die frommen Klosterbrüder

Sind gezogen fort für immer,

Und die alte Nebenkirche

Fiel schon längst in Schutt und Trümmer.

 

Da nach vielen trüben Jahren

Hab ich wieder schöne Zeiten.

Manchen Winter, manchen Sommer

Braucht’ ich niemals Sturm zu läuten.

 

Und in langem Frieden lebte

Ich durch meine späten Tage,

Schickend auf zum hohen Himmel

Lobgesang und Totenklage.

 

Aber diese Lebensarbeit

Habe nunmehr ich beendet,

Und es hat sich mein Geschicke

Endlich noch im Sturm vollendet.

 

Durch die üppigen Gefilde

Zogen fremde Räuberhorden,

Um zu sengen und zu brennen,

Um zu schänden und zu morden.

 

Doch bald hatten sich erhoben

Aus den Tälern, von den Hügeln

Alle Männer, um der fremden

Bande Schicksal zu besiegeln.

 

Eilig sammelten sich alle,

Und ich rief von meinem Turme,

Dass es in die Berge schallte,

Rief zum Kampf und rief zum Sturme.

 

Es entfachte mein Geläute

Alles Volk zu grausem Grimme.

Immer lauter ließ ich schallen

Meine ehernstarke Stimme.

 

Immer dröhnender und heller

Habe ich mein Lied gesungen –

Mitten in den stärksten Tönen

Ist die Stimme mir gesprungen.

 

Doch was tut’s. Die ausgezogen,

Um die Räuber abzuwehren,

Alle sah ich wohlbehalten

Sieggekrönet wiederkehren.

 

Der Rebell ist fortgetrieben,

Und er wird in diesen Tagen

Nimmermehr in meine Gaue

Beutefroh herein sich wagen.

 

Nun darf ruhen ich und rasten,

Ich erfüllte die Bestimmung:

Rief das Volk in Sturmesbrausen

Auf zur edlen Selbstbestimmung.

 

Reife, Volk! In harter Arbeit

Sollst von Neuem du erkennen.

Einigkeit und Friede werde

Deinen blühenden Gemarken.

 

Zum geschichtlichen Hintergrund der Sturmglocke im Ehrenmal:

Sie “ist auf Grund des Glockengießerzeichens in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts von Johannes de Trajecto (Utrecht) gegossen worden. Ihre Inschrift lautet:

+ SUM o VILLANORU(M) o SALTEM o SED o NON o MONACHORUM + MAN o SAL o MICH o LUDIN o ZU o STURME o O REX o GLORIE CPE (Christie) o VE(N)I o CUM o  PACE + (Ich wenigstens gehöre den Dörflern, aber nicht den Mönchen. Man soll mich läuten zum Sturme. O König des Ruhmes komme mit Frieden)

Zur Zeit ihres Gusses war der Propst von Oberpleis noch unbestrittener Landesherr des Kirchspiels. Wenn die Zivilgemeinde es wagte, diese Glocke in den Kirchturm der Propsteikirche zu hängen, dann kann das u.E. nur möglich gewesen sein, weil nicht nur die Glocke von ihr bezahlt und ihr Eigentum war, sondern weil sie auch ein Mitverfügungsrecht über den Turm beanspruchte oder besaß.” (Robert Flink, zit. von Thomas Lissek in: “Zur Sprache der Glocken”, in: Festschrift “50 Jahre Kolpingsfamilie Oberpleis” 1979).

Diese Glocke, welche der Gemeinde als einzige im Ersten Weltkrieg belassen worden war, zersprang beim Sturmläuten zu den Separatistenkämpfen 1923. Die Details der Zerstörung der Sturmglocke hat Kurt Wirtz eruiert.

Sie wurde dann in das 1930 errichtete Kriegerehrenmal einbezogen.

 

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Siehe auch: Die Sage von der alten Glocke .

                                    

Der Autor des Gedichts, Werner Heinen, * 1896 in Oberpleis, + 22.10. 1976, veröffentlichte als Dozent für Biologie zahlreiche fachbezogene Romane, u.a.: Agrion. Die Geschichte einer Libelle (1938); Räuber in der Nacht. Geschichte eines Wiesels; Der junge Genius. Johann Gregor Mendel. Biographischer Roman (1941); Zwiesprache mit Tieren (1942); Biologische Plaudereien(1956). Zu seinen heimatbezogenen Werken gehören das Spiel zur Oberpleiser Jahrtausendfeier (1949) und der Roman “Die Insel - Geschichte einer Kindheit” (1953).

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